Jetzt auch Autophagie durch Alkohol und Rauchen – Was steckt dahinter?


Mit zunehmender Popularität des Fastens erscheinen ständig neue Studien zu Wirkstoffen, die Autophagie auch ohne zu fasten aktivieren und verstärken sollen. Alkohol und sogar Zigaretten sind jüngst im Gespräch. Höchste Zeit dem auf den Grund zu gehen.

Helfen Alkohol und Zigaretten wirklich mit der Autophagie? Bricht Alkohol eine Fastenphase?

  • Alkohol und Zigaretten stressen den Körper, sodass dieser mit autophagischen Aktivitäten reagiert. Dies mag streng genommen zwar zu Autophagie führen, verursacht gleichzeitig aber ein Vielfaches an Schaden.
  • Alkohol hat 7 Kalorien pro Gramm und bricht eine Fastenphase mit dem ersten Schluck.

Es ist erstaunlich wie rasch sich Informationen verbreiten, die nahelegen, Suchtmittelgebrauch wäre von Vorteil oder gar gesund. Dass Genussmittel wie Rotwein und Kaffee auf der Liste der Autophagiebeschleuniger stehen, ist logisch nachzuvollziehen, mit Alkohol und Zigaretten gehen ambitionierte Forscher aber zu weit. Warum und wie solche Spekulationen zustande kommen, erfahrt Ihr gleich.

Ach und wer sich jetzt erst fragt, was Autophagie eigentlich genau ist, eine einfache sowie eine detaillierte Antwort findet Ihr in diesem Artikel.

Autophagie und Alkohol

Ich gebe zu ich habe nicht schlecht gestaunt als ich den ersten Satz des Fazits einer Studie [1] las, übersetzt in etwa: „Kürzliche Studien haben gezeigt, dass Alkohol Autophagie als einen schützenden Mechanismus gegen alkoholische Leberschädigung aktivieren könnte, durch selektive Entfernung geschädigter Mitochondrien und hepatischer Lipidtröpfchen„.

Soll letztendlich so viel bedeuten wie: Die Ursache und die Therapie für eine Erkrankung wären das gleiche. Klingt einleuchtend :). Studien wie diese sind ein krasses Beispiel dafür, wie viel Interpretationsspielraum Daten bieten. Dass z. B. Rotwein in Maßen bei so manchem Leiden helfen könnte, leuchtet aufgrund seiner Inhaltsstoffe ja noch ein, aber Alkohol in seiner Reinform? Wie kommen solche Ergebnisse, Schlussfolgerungen, oder besser gesagt Spekulationen, zustande?

Autophagie ist ein sehr komplexer Prozess. Nicht nur ihre Funktion an sich, auch die vielen verschiedenen Signalwege, die sie aktivieren. Einer dieser Signalwege ist z. B. die Unterdrückung eines sehr anabol wirkenden Proteins namens mTor (mechanistic Target of Rapamycin). Dies geschieht in der Regel bei Nahrungsentzug bzw. im Fasten. Nun haben schlaue Köpfe beobachtet, dass Ethanol mTor ebenfalls unterdrückt und Alkohol kurzerhand zum interessanten Forschungsobjekt in Sachen Autophagie erklärt.

Alkohol mag vielleicht zu einem gewissen Grad die Autophagie befeuern, schädigt aber ebenfalls die Leber, und zwar mehr als Alkohol-induzierte Autophagie dies jemals heilen könnte. Wäre dem so, hätte eine alkoholkranke Leber erst gar nicht entstehen können. Falls ich mich hier irre und jemand unter Euch mit fachkundigem Einblick mich aufklären will, weist mich gerne per EMail zurecht. Bis dies geschieht halte ich Studien, die Alkohol als mögliche Therapie für alkoholbedingte Leberschädigung erörtern, für gefährlichen Mumpitz.

Warum gefährlich? Nun zunächst werden auffällig oft Formulierungen verwendet wie „es ist möglich„, oder „es wurde spekuliert„. Und gefährlich vor allem deshalb, weil Menschen solche Milchmädchenrechnungen flüchtig hören, unbewusst assoziieren, und beim nächsten Schnaps nur noch halb so lange nachdenken. Oder was glaubt Ihr warum schreibe ich darüber? Weil meine Keywordrecherche ergeben hat, dass Menschen nach Autophagie und Alkohol suchen.

Der erste Schaden durch unseriöse Forschung ist also bereits angerichtet. Deshalb Leute seid versichert, Alkohol ist am Ende des Tages eine Minus-Rechnung!! Selbst wenn Alkohol-induzierte Autophagie tatsächlich irgendetwas im Körper heilt, richtet der Alkohol an einem anderen Platz im Körper gleichzeitig wieder Schaden an.

Autophagie durch Rauchen

Forschung nimmt oft paradoxe Züge an.

Doch die Forschung setzt noch einen drauf. Sogar Rauchen soll Autophagie aktivieren. Und wo im Besonderen? Natürlich in der Lunge [2]. Wir fassen also zusammen: Alkohol führt zu Autophagie in der Leber und Zigaretten zu Selbstheilung in der Lunge. Mag es vielleicht sein, aber nur ganz spekulativ, dass der Körper damit lediglich akut und verzweifelt versucht, Schäden in 2 seiner wichtigsten Organe zu verhindern? Verwendet der Körper seinen Selbstheilungsmechanismus in Stresssituationen vielleicht als Schutzmaßnahme?

Wohl wahrscheinlicher als dass empirisch eindeutig belegt tödlicher Suchtmittelmissbrauch plötzlich gesund sein soll. Nun immerhin lautet der Titel der Studie: „Cigarette smoke-induced autophagy: a deadly association?“. Es wird darin zwar aufgezählt, welche vermeintlich positiven Reaktionen des Körpers auf Zigarettenrauch folgen, aber auch deutlich erwähnt, dass Autophagie ein sehr komplexer und noch nicht ansatzweise vollständig verstandener Vorgang ist.

Im Fazit der Studie folgen auch keine Spekulationen, dass Rauchen vielleicht gut sein könnte, sondern dass mittels der beobachteten Mechanismen bessere Therapien für Zigaretten-induzierte Lungenkrankheiten entwickelt werden könnten. Ich bezweifle dennoch stark, dass diese Art der Forschung den Menschen unterm Strich einen Dienst erweist.

Wir neigen leider dazu, aus solchen Untersuchungen nur herauszulesen, was wir gerne hören möchten. Wenn es dann heißt, Rauchen führe zu Autophagie, wie weit werden Raucher sich dann wohl informieren, bevor sie sich mit einem kuscheligen Gefühl der Bestätigung die nächste Zigarette gönnen.

Wir wissen bereits, dass simples und kostenloses Fasten die mit Abstand effektivste und heilsamste Maßnahme für Autophagie ist. Wir kennen auch bereits eine Reihe von Nahrungsmitteln, Superfoods, Tees, und daraus inzwischen auch eine Vielzahl an hocheffektiven Supplements. Warum also Spekulationen über eventuelle Einsatzmöglichkeiten von Krankheitsverursachern wie Alkohol oder Zigaretten anstellen?

Autophagie durch Suchtmittel: Gesund hier, Nachteil dort

Wäre es dennoch möglich, sich zu heilen oder sich zumindest präventiv zu schützen, mit dem gezielten Einsatz eines Suchtmittels, dessen Inhaltsstoffe besonders die Autophagie in einer bestimmten Region ankurbeln? Mir fielen zu dieser Frage z. B. die Wirkstoffe Resveratrol und Ellagsäure ein, natürlich vertreten am stärksten in Rotwein und entdeckt durch deren starke autophagische Wirkung bei Lungenkrebs.

Könnte ein Raucher sich mit regelmäßigem Rotweinkonsum vor Lungenkrebs schützen? Zu einem gewissen Grad, vermutlich ja. Wäre Rotwein eine angemessene Therapie für bereits Erkrankte? Wohl eher nicht.

Und selbst wenn sich die Lunge dadurch erholt, die dafür notwendige Menge Rotwein richtet durch den Alkohol höchstwahrscheinlich neuen Schaden an. Dem akut Erkrankten würde ich ein Fastenprotokoll mit unterstützendem Einsatz von Resveratrol und Ellagsäure als Supplement empfehlen. Damit würden die Lungenkrebszellen maximal gezielt autophagisch attackiert.

Worauf will ich hinaus? Mit der Idee des Suchtmittels als Therapie verhält es sich gleich wie mit vielen Medikamenten. Sie mögen bei einem Leiden helfen, dafür ein anderes verursachen.

Die Psychologie des Suchtmittels

Die menschliche Psyche hat sich an Suchtmittel gewöhnt.

Welche Lehren ziehen wir aus all dem nun für unser tägliches Leben? Absolute Abstinenz? Freude und Ausgleich zum täglichen Stress nur noch mit Sport, Yoga und frischer Luft? Im Idealfall oder im akuten Krankheitsfall, ja! Aber bleiben wir realistisch. Der Mensch berauscht und beruhigt sich schon länger mit Substanzen, als es den Homo Sapiens als Spezies überhaupt gibt. Der Organismus weiß damit umzugehen, nur nicht im Ausmaß des modernen Überflusses.

Und wer weiß wie krank wir wären vor lauter Stress, ohne die regelmäßige Flucht in Alkohol und Zigaretten. Strikte Abstinenz kann sich wunderbar anfühlen, ist für 99 % der Menschen aber kein Thema. Ich gebe Euch jetzt daher den meiner Meinung nach ultimativen Rat: Kombiniert Eure Suchtmittel klug, mutet einem einzelnen Organ nicht zu viel zu. Ein Beispiel:

Ihr fühlt Euch nach einem Arbeitstag mental und/oder körperlich ausgebrannt, habt keine Energie für aktive Erholung wie Sport oder einen Spaziergang, seid stattdessen Raucher und Biertrinker. Daran ist zunächst nichts auszusetzen und jeder Person persönliche Entscheidung (sofern niemand zum Passivrauchen gezwungen ist). Was könnte man zwecks geringerer Gesamtbelastung des Körpers ändern?

Statt einer ganzen Packung Zigaretten täglich, reduziert diese z. B. um die Hälfte und esst stattdessen eine Packung Chips oder sonstigen Junk. Dadurch würden sich Lunge und Bauchspeicheldrüse quasi die Last des Suchtverhaltens teilen und die Wahrscheinlichkeit eine Krankheit zu entwickeln wäre drastisch reduziert. Die Dosis macht nämlich das Gift, 10 statt 20 Zigaretten sind nicht halb so schlimm, sondern nur noch einen Bruchteil. Gleiches gilt für eine kleine Menge Kartoffelchips vs. einer großen.

Ersetzt ein oder 2 Bier durch Rotwein und Ihr schützt Eure Lunge zusätzlich mittels der Wirkstoffe im Rotwein. Ersetzt einen Teil des Alkohols durch Gras, das ginge zu Lasten kognitiver Fähigkeiten, entlaste aber die Leber.

Ich denke Ihr versteht das Konzept :). Unterschätzt auch nicht die Kraft einer stufenweisen Reduktion und Verbesserung. Wer es sich zutraut versucht es natürlich unbedingt mit einer Art spirituellen Abstinenz und modifiziert sich selbst, beruflich, privat, sportlich, intellektuell, bis ein vermeintlicher Ausgleich durch Suchtmittel überflüssig wird. Ich arbeite schon mein halbes Leben an dieser Version von mir, bin aber dennoch immer wieder dankbar für die Möglichkeit einer einfachen, Substanz-unterstützten Auszeit.

Fazit zu Alkohol und Rauchen für Autophagie

Wenn Alkohol und sogar dem Rauchen plötzlich eine vermeintlich therapeutische Wirkung mittels Autophagie angedacht wird, sollten wirklich alle Alarmglöckchen schrillen. Daten lassen sich kreativ interpretieren.

Ich weiß man hört gern Gutes über bisher gedacht schlechte Angewohnheiten, aber lasst Euch beim Thema „Suchtmittel für Autophagie“ doch einfach von Eurem Hausverstand leiten. Wer sich mittels Autophagie heilen oder seiner Gesundheit was Gutes tun will, beginnt besser mit der effektivsten und günstigsten Maßnahme: Simplem Fasten.

Quellen:

  1. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC4096159/
  2. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC5594141/

Chris

Chris ist ausgebildeter Ernährungstrainer und beschäftigt sich seit jeher mit der komplexen Welt des Essens, was, wie viel, und warum es häufig sinnvoll ist, einfach mal darauf zu verzichten.

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