Autophagie durch Rotwein – Genüsslich gesund?


Ich ertappe mich in letzter Zeit immer wieder bei einem genüsslichen Glas Rotwein, und das mit dem kuscheligen Gefühl mir dabei sogar was Gutes zu tun. Rotwein gilt neben seiner Herz-schützenden Wirkung jüngst auch noch als Autophagie-Booster. Es war höchste Zeit für eine prüfende Recherche.

Boostet Rotwein die Autophagie? Unterbricht er eine Fastenphase? Ist Rotwein wirklich gesund?

  • Rotwein beinhaltet tatsächlich einige sog. Polyphenole, die autophagische Aktivität verstärken.
  • Er löst im Körper aber eine metabolische Reaktion aus, ist während des Fastens also ungeeignet.
  • Rotweingenuss ist eher eine Begleiterscheinung von Gesundheit, als dass er der Grund dafür ist.

Wenn Studien Gutes über schlechte Angewohnheiten berichten, ist die Euphorie natürlich groß, beim Thema Rotwein zu Recht, zumindest bis zu einem gewissen Grad. Damit die Wirkung aber nicht ins Gegenteil schlägt, gilt es so manches zu beachten. Was genau, welche Wirkstoffe es sind die helfen, und warum wir Studien gegenüber öfters mal skeptisch sein sollten, erfahrt Ihr gleich.

Ach und wer sich jetzt erst fragt, was Autophagie eigentlich genau ist, eine einfache sowie eine detaillierte Antwort findet Ihr in diesem Artikel.

Rotwein für mehr Autophagie

Das Gläschen Rotwein genießt schon lange einen guten Ruf. Menschen mit regelmäßigem Konsum genießen höhere Herzgesundheit, haben weniger Diabetes, Krebs, Schlaganfälle usw. Andererseits heißt es dann immer wieder, simpler Traubensaft täte es auch. Klingt logisch, trifft in Sachen Autophagie aber nicht zu. Der Rotwein nimmt hier tatsächlich eine Sonderrolle ein.

Die relevanten Wirkstoffe in Trauben und Rotwein sind die beiden Polyphenole Ellagsäure [1] und Resveratrol [2]. Und beide finden sich in wesentlich höherer Konzentration in Rotwein als in rotem Traubensaft oder sonst irgendwo. Die Ellagsäure gelangt überhaupt erst durch Holzfenole des Eichenholzes während der Lagerung bzw. Gärung in den Wein.

Der Gehalt an Resveratrol in rotem Traubensaft beträgt nur etwa 1 mg pro Liter Saft. Bei Rotwein sind es je nach Sorte, Qualität und Lagerung 2 bis 12 mg. Weiße Trauben und Weißwein haben lediglich geringe Mengen.

Ellagsäure und Resveratrol wirken auf Autophagie über ein Enzym namens SIRT1 [3]. Für mehr Details verweise ich Euch mit Freuden auf die Quellen. Besonders auffällig ist diese Reaktion in Studien zu Lungenkrebs. Die autophagische Aktivität durch Ellagsäure und Resveratrol hindert laut Studien die Lungenkrebszellen an der Ausbreitung. Der Körper nimmt grob gesagt also Lungenkrebszellen und macht daraus Energie, durch den Genuss von Rotwein.

Autophagie mit Nebenwirkungen

Den Wein bitte mit Bedacht genießen!

Klingt erst mal fast zu gut um wahr zu sein, ist es Großteils leider auch. Für therapeutische Effekte bedarf es entsprechend hoher Dosen der Wirkstoffe. Zumindest höher als jene Menge, die in der täglich verträglichen Menge Rotweins enthalten ist. Mit jedem Schluck Wein trinkt man schließlich auch eine nicht unwesentliche Menge Alkohol. Man mag mit Rotwein also vielleicht den Lungenkrebs in Schach halten, erweitert die Krankenakte dann aber wahrscheinlich bald um einen Leberschaden.

Es bliebe noch die Option des alkoholfreien Weins. Eine geniale Lösung, sofern dieser tatsächlich die gleichen Eigenschaften wie das Original, nur minus Alkohol aufweist. Und in Sachen Inhaltsstoffe scheint dies der Fall. In einem Vakuum verdampft der Alkohol im Wein schon bei 27 °C, sämtliche Antioxidantien und Polyphenole sollten also erhalten bleiben. Nach diesem Prozess enthält der Wein sogar ein Drittel weniger Kalorien. Einziges Manko: Der Geschmack leidet.

Entalkoholisierter Rotwein hat somit leider eher den Charakter von Medizin als den eines Genussmittels. Vielleicht eine Lösung für gesellschaftliche Anlässe, aber zwecks Autophagie immer noch keine wirklich sinnvolle Option. Wer sich von Resveratrol einen relevanten Einfluss auf Autophagie erhofft, greift besser zu einem Supplement, aus 2 Gründen:

  1. Eine einzige Kapsel enthält die zigfache Menge Resveratrol verglichen mit einem Liter Rotwein.
  2. Die Kapsel bzw. der Wirkstoff alleine hat keine Nahrungsenergie und ist somit auch während einer Fastenphase geeignet.

Das Supplement liefert also nicht nur die vielfache Menge des gewünschten Wirkstoffs, es lässt sich damit auch die Autophagie durchs Fasten zusätzlich verstärken bzw. dahingehend modifizieren, dass die Autophagie in einem bestimmten Bereich besonders aktiv ist. Zu diesem Zweck gibt es bereits eine Vielzahl an Supplements. Im Fall von Resveratrol wäre dies zum Beispiel zur unterstützenden Behandlung einer angeschlagenen Lunge.

Also trotz aller Euphorie, Rotwein alleine stellt keine nennenswerte Therapie dar. Andererseits genießen Rotweintrinker überdurchschnittliche Gesundheit. Wie groß der Anteil des Rotweins daran tatsächlich ist, bleibt Spekulation.

Wer Rotwein trinkt, is(s)t gesünder!?

Viele Studien gelangen zu diesem Ergebnis. Menschen mit regelmäßigem Rotweinkonsum leben länger und sind gesünder als abstinente. Die Frage ist nur: Sprechen wir hier von Korrelation oder Kausalität? Und die Antwort ist eindeutig, Korrelation! Wer trinkt Rotwein? Vornehmlich Menschen mit höherer Bildung und/oder Genussmenschen mit mehr Gesundheitsbewusstsein. Und ein bewusstes Leben mit bewusster Auswahl des Genussmittels führt im Schnitt zu höherer Lebenserwartung.

Wer trinkt keinen Alkohol? Freiwillig, fast niemand. Eine Handvoll Gesundheitsfreaks und Leistungssportler vielleicht. Unter Erwachsenen abstinent sind höchstens jene, die es vom Arzt verordnet kriegen. Und der Arzt verordnet dies selten präventiv, sondern akut. Soll heißen, Studien vergleichen im Schnitt Kranke mit Alkoholverbot und Gesunde mit höherer Bildung.

Solche Erhebungen führen häufig zu absurden Ergebnissen und demographischen oder regionalen Ausreißern. Da wären z. B. die überdurchschnittlich schlanken und gesunden Franzosen, die ihren Rotwein lieben. Aber ratet was: Franzosen ernähren sich im Schnitt auch weniger ungesund.

Der französische Nationalstolz erstreckt sich bis hin zu einem Reinheitsgebot für ihr Baguette. Mehl, Wasser, Salz und Hefe dürfens sein, während die übliche Welt etwa 10 weitere unaussprechliche Zutaten in Backwaren erlaubt.

Franzosen, sowie regelmäßige Weintrinker rund um die Welt, betrachten den Wein nicht nur als Rauschmittel, sondern als Teil ihrer Kultur. Sie trinken mit Maß, genießen, und lassen sich ihr Genussmittel auch mal was kosten. Guter Wein stammt von guten reifen Trauben, wird aufwändig, sorgfältig und geduldig verarbeitet. Naheliegend dass dies ein besseres Produkt mit mehr Antioxidantien und Polyphenolen, aber weniger eventuellen ungünstigen Begleitstoffen ergibt, wie Sulfiten.

Ich würde nicht so weit gehen zu behaupten, guter Rotwein wäre in Summe seiner Eigenschaften eine Plusrechnung für Gesundheit und Körper, in moderater Menge aber auch kein großes Minus. Das tägliche Achterl oder Vierterl darfs wohl sein. Billiger Rotwein hingegen schadet ab dem ersten Tropfen.

Rotwein nach dem Fasten – Besser nicht!

Sulfite im Wein vertragen sich schlecht mit dem Fasten.

Menge und Qualität sind gute Stichwörter, vor allem wenn man gerade eine Fastenphase beendet hat. Nach dem Fasten ist der Körper maximal empfangsbereit, er reagiert besonders belohnend auf den richtigen Input, aber auch ein wenig sensibler auf den falschen. Und zu welcher Kategorie zählt wohl ein alkoholhaltiges Getränk?

Das soll keine Mahnung sein, nach dem Fasten auf keinen Fall auch nur das Geringste zu trinken, es soll eher bedeuten, haltet stärker Maß und achtet ganz besonders auf hohe Qualität des Rotweins. Vor allem Sulfite beanspruchen stark die Leber, noch bevor diese den Alkohol verarbeitet. Sulfite sind zwar natürlich im Wein enthalten, werden billigem Wein aber auch gern mal als Konservierungsmittel zugesetzt. Wie konstruktiv ist dies wohl für einen auf Nährstoffe wartenden Organismus frisch aus dem Fasten?

Bei mir ist es in diesem Moment gerade 01:52 Uhr. Ich habe von vorgestern auf gestern etwa 22 Stunden gefastet, diese Fastenphase vorbildlich beendet, 2 Mahlzeiten gegessen, ich ignoriere nun mal meinen eigenen Rat, begebe mich zum Ausklang des Tages mit einem kleinen Glas Rotwein vor den Fernseher, und bewundere noch ein wenig Emilia Clark in „Ein ganzes halbes Jahr“. Nicht ideal, aber wir sind auch keine Roboter :).

Fazit zu Rotwein für Autophagie

Rotwein enthält in der Tat einige Inhaltsstoffe, die sich sowohl anregend auf Autophagie, als auch bis zu einem gewissen Grad positiv auf Gesundheit und Körper auswirken. Studien, die den Rotwein in den Himmel loben, betrachtet Ihr aber besser mit gesunder Skepsis. Und denkt nicht Ihr tätet Euch mit 3-Euro-Weinen aus dem Supermarkt was Gutes. Gebildete, gesunde Weintrinker halten Maß und lassen sich ihren Genuss auch mal was kosten.

Wer sich mittels Autophagie heilen oder seiner Gesundheit was Gutes tun will, beginnt besser mit der effektivsten, günstigsten Maßnahme: Simplem Fasten. Und dem widersprechen sowohl Rotwein als auch jedes andere alkoholische Getränk. Mit 7 Kalorien pro Gramm unterbricht schon der erste Schluck Alkohol die Fastenphase, und mit ihr, die stärkste, intensivste und natürlichste Form der Autophagie, jene durch Fasten.

Quellen:

  1. https://de.wikipedia.org/wiki/Ellags%C3%A4ure
  2. https://de.wikipedia.org/wiki/Resveratrol#Vorkommen
  3. https://de.wikipedia.org/wiki/Sirtuin-1
  4. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/30353639

Chris

Chris ist ausgebildeter Ernährungstrainer und beschäftigt sich seit jeher mit der komplexen Welt des Essens, was, wie viel, und warum es häufig sinnvoll ist, einfach mal darauf zu verzichten.

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